Ist es nicht so, dass die europäische Kultur und Zivilisation den Intellekt überbetont? Die Erziehung ist auf die Erziehung des Denkens und der Intelligenz ausgerichtet, sie kümmert sich nicht um den Bereich der Gefühle. Es herrscht die Auffassung, dass die Schulung der Intelligenz vorrangig sei und die Gefühlswelt unwichtig – hier soll jeder selbst sehen, wie er klarkommt. Die Intelligenz ist nützlich, mit ihr kann der Einzelne seinen Lebensunterhalt verdienen, durch die geschulte Intelligenz kann er in die Arbeitswelt integriert werden, er wird für die Gesellschaft nützlich. Seine Gefühlswelt bleibt Privatsache.

Durch die Schulung der Intelligenz wird keiner glücklich, denn es ist nur die Schulung einer Fähigkeit mit Werkzeugcharakter. Das Glück des Menschen liegt nicht in möglichst hoher Intelligenz. Glück erfährt der Mensch allein über den anderen, vernachlässigten Teil der Psyche, über die Gefühlswelt.

Besonders schädlich ist das Vorurteil, dass allein die Intelligenz wichtig sei und die Gefühlswelt auf einer niederen Stufe des Menschseins stünde. Diese Überschätzung der Intelligenz liegt daran, weil viele glauben, dass sie sich vor allem durch die Intelligenz vom Tier unterscheiden und deshalb in der Natur ein höheres Lebewesen seien. Der Mensch ist das jedoch nicht nur durch sein hochentwickeltes Gehirn, sondern auch durch sein insgesamt hochentwickeltes Nervensystem und sein besonders sensibles psychisches System. Zu diesem System gehören die Sinne, die Gefühle und die breite seelische Erlebnisfähigkeit.

Die Liebe ist nicht mit dem Intellekt erfassbar. Mit ihm kann man zwar über die Liebe nachdenken, sie sprachlich analysieren, aber mit der Intelligenz ist sie nicht zu erleben. Das Denken muss schweigen, damit für das Erleben Platz ist. Es kommt auf das Erleben an, nicht auf das Analysieren und Sezieren.

Wir müssen unsere Gefühlswelt entdecken und die Welt des Denkens in ihre Schranken verweisen. Das Denken soll sich in das Fühlen nicht einmischen. Eher schon soll sich das Fühlen in das Denken einmischen. Je mehr wir zu dieser Basis unserer elementaren Existenz finden, umso glücklicher können wir werden, umso intensiver und beglückender können wir lieben. Einem «Verstandesmenschen» ist das unbegreiflich, weil er es nicht erlebt hat und dem Trugschluss unterliegt: «Was ich nicht erlebt habe, das gibt es nicht.»

«Weisheit besitzt derjenige, der seine Intelligenz schult und sie als Werkzeug im richtigen Moment einsetzt, der aber davon unberührt die Ganzheit seines seelischen Lebens erlebt. Die Basis für alles Erleben sind die Sinne. Aus der Sensitivität erwächst das Gefühl und die Liebe.»

Peter Lauster

*Quellenverzeichnis

Lauster P. (2008). Die Liebe – Psychologie eines Phänomens. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg